Über wirklich – Schriften zur Wirklichkeitsrekonstruktion

Und was also gibt es an der Wirklichkeit zu rekonstruieren? Ist sie etwa angeschlagen, in Verlegenheit, in Vergessenheit? Hier ein Zitat aus Pan Papillon, Sartres geheimster Schüler und die Revolutionärin:

„Es zieht sich ein chirurgischer roter Faden durch die jüngere Geschichte, der die Frage der Wirklichkeitsauffassung mit der politischen Wunde verbindet wie das Kratzen mit dem Juckreiz: Die Negation der Wirklichkeit. Es waren die Nadelstiche von Nietzsche, Dilthey und Heidegger, die das intellektuelle Rettungsschlauchboot namens Wirklichkeit langsam sinken ließen, das uns vor dem Faschismus der ersten Art hätte bewahren können. Die Wirklichkeit wurde pervertiert und banalisiert durch Behauptungen, diskreditiert durch den Vorwurf der Lebensfeindlichkeit, ausgehebelt und zur inneren Angelegenheit erklärt und schließlich wissenschaftlich/sachlich wie mit einem Skalpell in nichtssagende Scheibchen zerlegt, zu einem unendlich kurzen Seinszeitraum zusammengestampft und in die Asservatenkammer der übermäßigen Komplizierung expediert. Auf der Asche der Wirklichkeit konnte dann der Irrationalismus, der Faschismus erster Art gedeihen.

Ein neuerer Angriff auf die Wirklichkeit kam unauffälliger und eher von links. Die Akteure hatten bestimmt nur Gutes im Sinne, sie wollten die Wirklichkeit dekonstruieren, um sie durch etwas Schöneres zu ersetzen und doch war es eine hochriskante Operation an der Gesellschaft, die – wie wir einzusehen endlich bereit sein müssen – erhebliche Nebenwirkungen nach sich zieht: Der Dekonstruktivismus der Postmoderne. Wieder Nadelstiche in das gesellschaftliche Bewusstsein einer existierenden intersubjektiven Wirklichkeit. Das Skalpell zerlegte, setzte neu zusammen wie im Surrealismus, alles wurde auf den Kopf gestellt, durchmischt. Zurück blieb die Skepsis: Was ist schon wirklich? Und seht da, aus den Trümmern der dekonstruierten Wirklichkeit entsteht der Faschismus zweiter Art, der Neoliberalismus. Wo Naturgesetze waren, sind jetzt die „Gesetze des Marktes“, wo endlich die Wahrheit gesagt werden durfte, hört niemand mehr zu und wo die Wirklichkeit ihren Raum zurückerobert hatte, ist jetzt „virtuelle Realität“ mit den totalitären Zügen der Mächtigen.

Die Macht steht ständig im Kampf gegen die Wirklichkeit, denn diese ist ihre natürliche Begrenzung: Wenn sie intersubjektiv ist, dann gilt wenigstens der Rahmen der Wirklichkeit gleichermaßen für Mächtige und Machtlose. Wer der Welt Freiheit und Gleichheit auf einmal wünscht, muss für die Wirklichkeit kämpfen.“

Der Revolutionskonjunktiv

Revolution ist ein periodisches Ereignis das von unten kommt, genauso wie ein Dampfkessel von unten beheizt wird. Für das einzelne Individuum, das in Zeiten des leeren Kessels glüht, ist kein Fortschritt sichtbar, doch der kumulierte kollektive Druck führt zur Explosion. Das revolutionäre Denken hingegen ist individuell. Die innere Glut muss sich nicht nach dem Kesselstand der Gesellschaft richten, die Utopie nicht nach dem momentanen Status quo. Wenn der Kessel gerade leer ist, muss das Individuum nicht reformistisch und pragmatisch werden, sondern revolutionskonjunktivistisch. Konjunktivismus heißt Trennung von gedanklicher und praktizierter Revolution, Erhaltung der Utopieglut in konjunktivistischer Bereitschaft, bis plötzlich ist was wäre wenn!

Konjunktivismus heißt Utopie weiterdenken bis ist was wäre wenn, statt pragmatische Reformen bis die Utopie ein Gedanke war.

Der Postulag

Verlage wollen neutral sein. Nicht links und nicht rechts, nicht religiös aber auch nicht atheistisch, nicht anarchistisch aber auch kein Medium der Herrschaft, nicht Fisch nicht Fleisch (vegan auch nicht). Nicht meinungsbehaftet eben. Nur, man kann nicht neutral sein. Wirklich ist nicht neutral, wirklich postuliert. Denn neutral ist nicht wirklich.